Multiple Sklerose
Was ist eine Multiple Sklerose?
Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie gehört zu den Autoimmunerkrankungen. Dabei richtet sich das Immunsystem gegen körpereigene Strukturen und verursacht Entzündungen in Gehirn und Rückenmark.
Betroffen ist vor allem das Myelin, die Schutzschicht der Nervenfasern. Durch die Entzündung wird diese Schicht geschädigt, wodurch die Weiterleitung von Nervenimpulsen gestört wird. Im Verlauf kann auch die Nervenfaser selbst betroffen sein (axonale Degeneration). Dadurch können bleibende neurologische Einschränkungen entstehen.
Autoimmunerkrankungen treten gehäuft gemeinsam auf. Patientinnen und Patienten mit MS haben daher ein erhöhtes Risiko für weitere Autoimmunerkrankungen wie rheumatoide Arthritis, Schuppenflechte oder Typ-1-Diabetes.
Die Erkrankung verläuft häufig schubförmig: Symptome treten über Stunden oder Tage auf und bilden sich anschließend teilweise oder vollständig zurück. Nach Jahren kann die Erkrankung in einen langsam fortschreitenden Verlauf übergehen (sekundär progrediente MS).
Daneben gibt es die primär progrediente MS, bei der von Beginn an eine schleichende Verschlechterung besteht.
Heute geht man davon aus, dass bei der MS sowohl entzĂĽndliche Prozesse als auch neurodegenerative Mechanismen eine Rolle spielen.
Wie häufig ist MS?
Die MS tritt geografisch unterschiedlich häufig auf. Besonders häufig ist sie in Nord- und Mitteleuropa sowie auf den Britischen Inseln, deutlich seltener in Ostasien und Afrika. Weltweit sind etwa 2,5 Millionen Menschen an MS erkrankt, davon rund 150.000 in Deutschland. In Berlin leben schätzungsweise etwa 7.500 Betroffene.
Frauen sind etwa dreimal häufiger betroffen als Männer. Die Erkrankung beginnt meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr.
Wie kann die MS verlaufen?
Der Verlauf einer MS ist individuell und nur begrenzt vorhersagbar. Man unterscheidet folgende Verlaufsformen:
- Klinisch isoliertes Syndrom (KIS / CIS): Erste Episode mit MS-typischen Symptomen, ohne dass bereits alle Kriterien einer Multiplen Sklerose erfĂĽllt sind. Grundlage der Diagnosestellung sind die McDonald-Kriterien. In bestimmten Situationen kann bereits zu diesem Zeitpunkt eine immunmodulatorische Therapie sinnvoll sein.
- Schubförmige Multiple Sklerose (RMS / RRMS): Häufigste Verlaufsform der MS. Typisch sind neurologische Schübe mit vollständiger oder unvollständiger Rückbildung der Symptome. Ein Schub ist definiert als neu auftretendes oder deutlich verstärktes neurologisches Symptom über mindestens 24 Stunden. Abzugrenzen sind sogenannte Pseudoschübe. Dabei kommt es vorübergehend zu einer Verschlechterung bestehender Symptome, z. B. bei Infekten, Fieber, Hitze oder Erschöpfung.
- Sekundär progrediente Multiple Sklerose (SPMS): Im Verlauf kann die schubförmige MS in eine langsam fortschreitende Verschlechterung übergehen. Schübe treten dann meist seltener auf, während neurologische Einschränkungen langsam zunehmen.
- Primär progrediente Multiple Sklerose (PPMS): Seltenerer Verlauf mit schleichender Verschlechterung von Beginn an, meist ohne klassische Schübe. Häufig steht eine zunehmende Gangstörung im Vordergrund. Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen.
Welche Symptome hat die MS?
Die MS ist eine ausgesprochen vielfältige Erkrankung, ein echtes „Chamäleon“ in der Neurologie. Viele Beschwerden können auch bei anderen Erkrankungen auftreten. Vor vorschnellen Selbstdiagnosen wird daher gewarnt.
Häufige Symptome zu Erkrankungsbeginn sind:
- Gangstörungen, Beinschwäche, Gangunsicherheit oder Spastik
- Kraftverlust der Hände
- TaubheitsgefĂĽhle oder Missempfindungen
- Doppelbilder
- Sehverschlechterung
- Blasenstörungen
- Auch Fatigue (abnorme Ermüdbarkeit), spezielle Schmerzsyndrome, Sprech- und Schluckstörungen, sexuelle Funktionsstörungen oder Gedächtnisstörungen kommen häufig vor, meist in Kombination mit anderen Symptomen oder bei fortgeschrittener Erkrankung.
Wodurch wird MS verursacht?
Die genaue Ursache der MS ist bis heute nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich entstehen Erkrankung und Krankheitsverlauf durch das Zusammenwirken genetischer Faktoren, Umweltfaktoren und Veränderungen des Immunsystems. Folgendes gilt heute als gesichert oder wahrscheinlich:
- FĂĽr die Entstehung der MS besteht eine genetische Veranlagung. Bekannt sind mehrere genetische Risikofaktoren, insbesondere im Bereich der HLA-Gene.
- Besonders häufig tritt die Erkrankung in Nord- und Mitteleuropa auf.
- Die MS ist keine klassische Erbkrankheit. Angehörige von MS-Patientinnen und -Patienten haben jedoch ein erhöhtes Risiko, selbst zu erkranken.
- Umweltfaktoren spielen wahrscheinlich eine wichtige Rolle. Dazu gehören insbesondere Sonnenlichtexposition, Vitamin-D-Stoffwechsel und Rauchen.
- Rauchen erhöht nicht nur das Risiko für die Entstehung einer MS, sondern beeinflusst auch den Verlauf ungünstig.
- Als wichtiger Auslöser gilt heute das Epstein-Barr-Virus (EBV), der Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers. Große Studien zeigen, dass eine EBV-Infektion der MS praktisch immer vorausgeht. Wahrscheinlich ist EBV ein notwendiger, aber nicht allein ausreichender Faktor für die Entstehung der Erkrankung.
- Aktuell wird intensiv an Impfstoffen und antiviralen Therapieansätzen gegen EBV geforscht.
Wie wird MS diagnostiziert?
Es gibt keinen einzelnen Test, mit dem eine MS sicher nachgewiesen werden kann. Die Diagnose ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Beschwerden, neurologischer Untersuchung und apparativer Diagnostik. Die komplette MS-Diagnostik kann heute in den meisten Fällen ambulant durchgeführt werden, z. B. in einer MS-Schwerpunktpraxis.
Zur Abklärung gehören in der Regel:
- neurologische Untersuchung
- MRT von Gehirn und RĂĽckenmark
- Blutuntersuchungen, insbesondere zum Ausschluss anderer Erkrankungen
- Untersuchung des Nervenwassers (Lumbalpunktion)
- evozierte Potenziale
In einzelnen Fällen kann ergänzend eine stationäre Diagnostik in einer neurologischen Klinik sinnvoll sein.
Welche diagnostischen Kriterien gibt es?
Die Diagnose einer MS basiert auf dem Nachweis entzündlicher Veränderungen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten und an unterschiedlichen Orten im zentralen Nervensystem auftreten. Nachgewiesen werden kann dies durch:
- neurologische Ausfälle
- MRT-Veränderungen in Gehirn oder Rückenmark
- EntzĂĽndungszeichen im Nervenwasser (Liquor)
Für die Diagnosestellung müssen außerdem andere Erkrankungen ausgeschlossen werden. Grundlage der Diagnosestellung sind die revidierten McDonald-Kriterien von 2024. Ziel der neuen Kriterien ist eine frühere und gleichzeitig möglichst sichere Diagnosestellung.
Neu in den aktuellen Kriterien ist unter anderem die stärkere Einbeziehung moderner MRT-Marker und biologischer Marker im Liquor. Dazu gehören beispielsweise der Zentralvenenmarker (central vein sign), paramagnetische Randsaumläsionen sowie freie Kappa-Leichtketten im Liquor. Auch der Sehnerv wird inzwischen als eigene anatomische Region für die Diagnosestellung berücksichtigt. Dadurch kann die Diagnose in geeigneten Fällen früher gestellt werden. Für die primär progrediente MS gelten weiterhin gesonderte Kriterien.
Schweregrad der Beeinträchtigung
FĂĽr die Bestimmung des Schweregrads der Behinderung bei MS benutzt der Neurologe die EDSS-Skala (expanded disability severity score). Ab Grad 4,0 besteht eine relevante Gehbehinderung.
Es werden insgesamt 8 Funktionssysteme untersucht und aus den bestimmten Einzelwerten ein Gesamtwert errechnet:
- Optisches System
- Hirnstamm
- Motorik
- Sensorik
- Gleichgewicht
- Vegetativum (Blase, Darm, Sexualfunktion)
- Kognition und Fatigue
- Gehfähigkeit
MS: Behandlung und Therapie
Die Multiple Sklerose ist nach heutigem Stand nicht heilbar, in den meisten Fällen jedoch gut behandelbar. Ziel der Therapie ist es, Krankheitsaktivität zu reduzieren, Schübe zu verhindern und langfristige neurologische Einschränkungen möglichst zu vermeiden. Die Behandlung umfasst drei wesentliche Bereiche: Behandlung des akuten Schubes verlaufsmodifizierende Therapie (Immuntherapie) symptomatische Therapie
Schubbehandlung bei MS
Die Behandlung eines akuten MS-Schubes erfolgt meist mit hochdosierten Kortisonpräparaten (Steroiden), in der Regel als Infusionstherapie. Die Behandlung kann häufig ambulant durchgeführt werden. Ziel der Therapie ist eine schnellere und möglichst vollständige Rückbildung der Symptome. Bei schweren Schüben oder unzureichendem Ansprechen auf Kortison kann ergänzend eine Plasmapherese oder Immunadsorption erforderlich werden. Diese Behandlung erfolgt stationär in einer neurologischen Klinik.
Immunmodulation
Noch vor wenigen Jahrzehnten waren die Behandlungsmöglichkeiten der MS stark eingeschränkt. Heute steht eine große Zahl wirksamer verlaufsmodifizierender Therapien zur Verfügung, mit denen Krankheitsaktivität, Schubrate und langfristige Behinderungsprogression deutlich reduziert werden können. Die verfügbaren Medikamente unterscheiden sich hinsichtlich Wirksamkeit, Nebenwirkungsprofil, Kontrollaufwand und Art der Anwendung. Eingesetzt werden: selbst injizierbare Medikamente Tablettentherapien Infusionstherapien Die aktuelle Leitlinie unterscheidet verlaufsmodifizierende Therapien nach Wirksamkeit in die Kategorien 1 bis 3. Die Auswahl der Behandlung erfolgt individuell und berücksichtigt unter anderem Krankheitsaktivität, MRT-Befunde, Begleiterkrankungen, Lebensplanung, Schwangerschaftswunsch und mögliche Risiken der Therapie. Ziel der modernen MS-Therapie ist eine möglichst frühe und vollständige Kontrolle der Krankheitsaktivität, um langfristige neurologische Einschränkungen zu vermeiden. Dabei rückt zunehmend auch die Verhinderung einer schleichenden Behinderungszunahme unabhängig von Schüben (PIRA) in den Fokus. Aktuell werden neue Therapieansätze untersucht, unter anderem sogenannte BTK-Inhibitoren (BTKi), die möglicherweise auch chronische Entzündungsprozesse innerhalb des zentralen Nervensystems beeinflussen können. Eine aktuelle Übersicht der zugelassenen MS-Therapien bietet das Kompetenznetz Multiple Sklerose.
Symptomatische Behandlung
Die symptomatische Therapie umfasst die Behandlung von Beschwerden und Einschränkungen, die im Verlauf der MS bestehen bleiben oder unabhängig von akuten Schüben auftreten. Dazu gehören unter anderem: Gangstörungen und Spastik Schmerzen motorische Einschränkungen Fatigue (abnorme Ermüdbarkeit) Blasenstörungen Sprech- und Schluckstörungen psychische Symptome sexuelle Funktionsstörungen Die Behandlung erfolgt individuell und kombiniert je nach Beschwerden Heilmittel (Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie), medikamentöse Therapie, psychotherapeutische Verfahren und rehabilitative Maßnahmen.